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Florian Russi
Der Drachenprinz

Märchen, Sagen und Geschichten aus der Mitte Deutschlands.

Sprachlehre

Werner Kiepfer

Wer etwas auf sich hält, muss sich heutzutage bemühen, mindestens drei Sprachen zu beherrschen. Die Niveaustufen bemessen sich wie folgt:

- Muttersprache: Eigentlich darf diese Qualifikation jeder nur für eine Sprache in Anspruch nehmen. Im Zuge des globalen Völkerzusammenwachsens dürfte sich das geändert haben. Ganz nebenbei: Da haben unsere Altvorderen schon immer politisch korrekt geteilt: Muttersprache – Vaterland?

- Verhandlungssicher: Dazu sollte man das, was der Gesprächspartner sagt, nicht nur sprachlich verstehen, sondern auch aus Mimik und Gutturallauten erkennen, was er meint.

- Fließend in Wort und Schrift: In Bewerbungsschreiben wird diese Einstufung verwendet, um nicht zugeben zu müssen, dass man sich mit einer Sprache doch ziemlich schwer tut. Klar, man kann sich einen Kaffee bestellen, die Speisekarte lesen und aus den Zeitungsüberschriften ableiten, was in der Welt vor sich geht. Postkarten an Urlaubsbekanntschaften kann man problemlos schreiben.

- Grundkenntnisse: Dafür genügt es, „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“, „Danke“, „Bitte“, „Wie geht es Ihnen“, „Wo geht es zum Bahnhof?“ (braucht man das noch?), „Ich liebe Dich“ und „Kennen Sie Bayern München“ in der Fremdsprache artikulieren zu können. Es ist meist das, was von den Schulkenntnissen noch übrig blieb.

Beherrschen Sie drei Sprachen? Ja? Gut, dann dürfen Sie auch etwas auf sich halten. Deutsch ist Ihre Muttersprache (das nehme ich an, obwohl diese Unterstellung politisch nicht korrekt ist).

Sie beherrschen Deutsch, Englisch, Französisch? Oder anstelle von Französisch eher Spanisch, Italienisch, Latein? Womöglich Portugiesisch, Arabisch, Swahili? Vielleicht sogar Chinesisch, Japanisch oder eine der über 100 indischen Sprachen?

Respekt! An dieser Stelle ist es Zeit für ein Bekenntnis: Dem Autor mag ja die eine oder andere Begabung in die Wiege gelegt worden sein – Sprachbegabung gehörte nicht dazu. Aber, das muss auch gesagt werden dürfen: Er hat sich stets bemüht.

Meine Muttersprache ist „Saarländisch“, was es genau genommen gar nicht gibt. Das Saarland hat viele Dialekte. Grob unterscheidet man das „Moselfränkische“ (Nordwest-Saarland) vom „Rheinfränkischen“ (Südost-Saarland). In aller Bescheidenheit: Verhandlungssicher bin ich in Hochdeutsch. Ob ich Schwäbisch „fließend in Wort und Schrift“ beherrsche, mag der geneigte Leser nach Lektüre dieses Versuchs, die drei Sprachen einander gegenüber zu stellen, selbst beurteilen. An ein paar Begriffen und Sprüchen soll das erläutert werden:

E Achdele Woi --- E Piffsche Wein --- Ein achtel Liter Wein

Mal abgesehen davon, dass der Schwabe sich nur selten ein „Achdele“ bestellen würde (Viertele ist die Mindestmaßeinheit für den Trollinger), neigt der Saarländer ohnehin eher zum Bier. Interessanterweise bestellt er im Allgemeinen „e Gläsje Glasbier“, womit ihm dann 0,25 l Karlsberg (was anneres gebbt’s jo nimmi) kredenzt werden.

Zum Schwaben: „Achdele“ ist für ihn bestenfalls ein Maß für Wasser, Milch oder Schnaps. „Viertele“ werden bei dem Schwaben „geschlotzt“, was verdeutlicht, welch inniges Verhältnis er mit dem kostbaren Rebensaft pflegt.

Zum Saarländer: Biertrinker wurde er spätestens in den 50er Jahren. Da gab’s die „Bier-Bomben“, ein psychologischer Trick, die Schrecken des Kriegs, unter dem das Saarland arg gelitten hatte, zu verar-beiten. Die „Schlossbräu-“, „Becker-„ und „Karlsberg-„Bomben hatten eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit dem, was die Alliierten über dem Saarland abwarfen. Harmlos waren die Bier-Bomben aber auch nicht. Das waren Liter-Flaschen, geeicht auf den Durst eines Saarländers. So mancher Pfälzer konnte die Wirkung nicht einschätzen und verhob sich.

Fotos: Werner Kiepfer. Bier-Bombe, Trollinger-Viertele (schlecht eingeschenkt) und beide vereint.
Fotos: Werner Kiepfer. Bier-Bombe, Trollinger-Viertele (schlecht eingeschenkt) und beide vereint.

Noo ned hudele --- Dummel Dich --- Gemach, gemach / Hurry up

Ja, „Noo ned hudele“ und „Dummel Dich“ sind Gegensätze. Sie drücken aber die jeweilige Gemütslage beider Landsmannschaften recht gut aus. Der Schwabe stellt Bedächtigkeit über jegliches Handeln. Nichts ist ihm gräulicher als unüberlegter Aktionismus.

Dem Saarländer hingegen geht es selten schnell genug. Präzision und Nachhaltigkeit sind ihm nicht so wichtig.“Dabbersche“ (wohl aus dem Französischen „d’abord“ – „sofort“ abgeleitet) muss es halt gehen. Jemand, der sich eher schwäbisch verhält, ist für den Saarländer eine „Tranfunsel“.

Im gepflegten Hochdeutsch würde man dem Schwaben ein „Gemach, gemach“ ans Herz legen. Ob der Saarländer etwas mit dem im deutschen Sprachgebrauch zunehmend üblichen „Hurry Up“ anfangen kann – ich weiß nicht.

Halbdackel --- Affezibbel --- Kein hochdeutsches Pendant

Ja, ja die Schimpfwörter. Das Arsenal ist in jeder Mundart unerschöpflich. Das Schwäbische und das Saarländische scheinen aber besonders gut bestückt zu sein.

Josef Eberle, Schriftsteller und Gründer der Stuttgarter Zeitung befand: „Ein Halbdackel wiegt entschieden schwerer als ein ganzer“.

Aus Gründen der Pietät verzichten wir hier auf eine Erläuterung des einschlägigen saarländischen Schimpfworts „Affezibbel“. Jemanden damit zu belegen, ist grenzwertig. Dass es eine Zigarre namens „Affezibbel“ gibt, schwächt den Begriff nun doch ein wenig ab, auch wenn die Assoziation unverkennbar ist.

Halbdackel

Halbdackel

Quelle: „Halbdackel und andere Viecher“, Verlag Albeck,, ISBN 978-3-9811-4959-3 Urheber: Richard Ruckaberle,

Affezibbel

Affezibbel

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von CIGARWORLD

40223 Düsseldorf (info@cigarworld.de)

Moi Weib --- Meins --- Die mir angetraute Gemahlin

In Zeiten feministischer Dominanz und der Ächtung maskulinen Gehabes fallen sowohl die liebevolle schwäbische Form als auch die entschieden possessivere saarländische Bezeichnung für die ehelich Angetraute ein wenig aus dem Rahmen. Gebräuchlich sind sie aber weiterhin.

Während der Schwabe stets vom „Weib“ und nicht von der „Frau“ spricht, und das keineswegs despektierlich meint, ordnet der Saarländer den Begriff schon ziemlich nahe beim Schimpfwort ein.

Babblgosch --- Foodsbeidel --- Jemand, der viel redet

Bevor ich mir dieses Prädikat verdiene, soll dies das letzte Beispiel meiner kleinen Sprachlehre sein. “Gosch“ ist sowohl im Schwäbischen als auch im Saarländischen gebräuchlich. Die Herkunft scheint aber ungeklärt. „Babbeln“ ist ja schon fast hochdeutsch.

Der „Foodsbeidel“ ist das saarländische Synonym zur „Babblgosch“. „Foodse“ verwendet der Saarländer gerne, wenn jemand dumm daherredet und kein Ende findet mit seinem Vortrag. Der „Foodsbeidel“ ist schon ein Begriff, den nur eingefleischte Saarländer verstehen.

Der Erkenntnisgewinn dieses kleinen Beitrags mag marginal sein. Es erstaunt aber immer wieder, dass selbst nach erfolgreicher Integration auch nach Jahrzehnten die Sprachwurzeln nicht geleugnet werden können. Saarländer bleibt Saarländer, Schwoob bleibt Schwoob – zumindest beim „Goschen“.

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